MEDITATIONEN UND ANREGUNGEN FÜR ALLE TAGE



Die Geschichte vom Blatt

Es war einmal das große, kräftige Blatt eines Ahornbaums. Die Frühlingssäfte dieses Jahres hatten es gelockt, durch die feste Rinde des Astes zu stoßen. Es hatte sich gereckt und gestreckt immer der Sonne und ihren zunehmend warmen Strahlen entgegen. Über die Wurzeln hatte Mutter Baum reichlich gute Nahrung aus der Erde aufgenommen und ihren Kindern geschickt.

So war auch unser Blatt gewachsen und hatte sich entfaltet. Es sah eigentlich aus wie all die anderen Blätter auch, und doch: bei genauerem Hinsehen war es doch ganz einzigartig in Form, Größe und Farbe. Was aber besonders auffiel, war, dass es sich von der Lage etwas von den anderen Blättern unterschied! Bildeten die anderen eher ein gemeinsames Blätterdach, so hatte unser Blatt einen langen Stengel entwickelt und hob sich etwas von den anderen ab.

Das hatte zur Folge, dass der Wind es immer wieder zum Spielen aufforderte! Schwankten die anderen nur leicht in der Gemeinschaft, so tanzte unser Blatt immer wieder ein Solo, und das mit großer Freude! Das Blatt liebte seine Beweglichkeit und Stabilität, seine Fähigkeit, eins zu werden mit dem Wind und sich ihm ganz hinzugeben. Manchmal wirkte es fast, als wolle das Blatt wie eine große Hand den anderen Wesen des Gartens zuwinken!

„Paß auf dich auf“ riefen die anderen Blätter, „beweg dich nicht so viel, sonst wirst du im Herbst als allererstes vom Baum fallen!“ „Aber ich liebe es, mit Leidenschaft und ganzer Intensität zu leben, und außerdem ist es meine Bestimmung, zu tanzen mit dem Wind!“ erwiderte das Blatt und drehte und bog sich in atemberaubender Weise.

Und als ein heftiger Windstoß im November das Blatt vom Baum fegte, sank es zufrieden zu Boden. Es hatte seiner Bestimmung gemäß gelebt, alles ausgeschöpft und entwickelt, was ihm möglich war und gelernt, sich dem hinzugeben, was ist.

Im Oktober 2014



Der Wald mit allen Sinnen

Geh durch einen Wald und sei mit allen Sinnen wach. Rieche die Walderde, die Blütendüfte, den Geruch von Pilzen, laß dich berühren von allem, was du wahrnimmst. Spüre die Erde unter deinen Füßen, wie unterschiedlich weich oder fest sich das anfühlt.

Wenn du magst, lege dich hin, spüre die Intensität des Waldes und seine Lebendigkeit. Folge dem Tanz von Schatten und Licht, laß dich inspirieren, und entdecke Formen, Gesichter, Wesen. Lausche dem Wind, dem Rascheln und Knacken deiner Schritte, dem Gesang der Vögel.

Koste den fruchtig-säuerlichen Geschmack einer Brombeere oder Blaubeere oder stelle es dir vor – lasse sie auf deiner Zunge zergehen. Beobachte eine Ameise oder einen Käfer und staune! Werde zum Kind und neugierig, als würdest du all das zum ersten Mal erleben!

Sei mit Haut und Haaren und allen Sinnen hier im Wald, sei Teil dieser geheimnisvollen Wunderwelt!

7.9.2014



Das Nest im Herzen des Baums

Da gibt es ein Buntspechtpärchen auf der Suche nach einem Nistplatz. Bereits vor 3 Wochen haben sie einen geeigneten Baum gefunden: ein alter knorriger Zwetschgenbaum ist es, der in voller Blüte steht. Und seitdem sind die beiden abwechselnd sehr aktiv und klopfen und klopfen. Bei Wind und Wetter und Sonnenschein und Regen. Auf dem Boden sammeln sich Säge – oder Klopfspäne, und in Höhe des Baumherzens vertieft sich ein Loch, eine Höhle. Inzwischen können Mutter und Vater Specht schon im Inneren arbeiten, und dann erscheint der Kopf nur, um die Späne nach draußen zu werfen.

Wenn die beiden Wechsel haben, vergnügen sie sich miteinander, um dann eifrig weiterzuarbeiten. Auch Irritationen bleiben nicht aus: zum Beispiel in Form einer Plastikschnur, die der Wind immer wieder vor das Loch weht. Zwischendurch sind die Spechte so gestört, dass sie wütend auf den Faden einhacken, aber sie brauchen lang, um ihn zu beseitigen, denn das Plastik widersteht ihren Bemühungen ausdauernd. Aber schließlich schaffen sie es und können ungestört arbeiten.

Immer wieder gesellen sich auch andere Vögel dazu: Zwei Buchfinken, die sich abgestorbene kleine Zweige für den eigenen Nestbau mitnehmen, Amseln, die in den frisch gejäteten Beeten Regenwürmer finden, Meisen und Spatzen, die sich an den Grassamen laben, Tauben und Krähen auf der Suche nach Nahrung – ein reges Treiben also. Und währenddessen wächst das Nest der beiden schwarz-weiß-roten Buntspechte im Herzen des alten Zwetschgenbaums, so dass neues Leben in seinem Schutz entstehen kann. Leben und Sterben dicht beieinander!

Und welches neue Leben darf in deinem Herzen wachsen?

15.4.2014



Der Frühlingsbaum – eine Meditation der senkrechten Lebendigkeit

Berühre einen Baum – vielleicht hast du einen Lieblingsbaum – es ist gleich gültig, ob du das mit deinem Körper oder in deiner Vorstellung tust.

Spüre die Rinde – ist sie glatt oder rau oder knorrig? Lehne dich an, nimm Kontakt auf. Es ist Frühling, und die Säfte steigen. Spüre die Kraft des Aufbruchs und atme.

Und dann werde selbst zum Baum mit Wurzeln, Stamm und Krone.Nimm dich wahr als Baum, tief verwurzelt in der Erde. Verbinde dich mit dem Herzen der Erde, mit der silbernen Erdensonne und atme von dort aus ein. Spüre die Kraft der nahrhaften Säfte, die über deine Wurzeln aufsteigen und in deine Zellen strömen, die Lebendigkeit, das wirbelnde Fließen: „Ja, ich lebe, ich atme und bin ganz hier“ Der Kraftwirbel breitet sich aus in deinem Stamm und in die Äste und Zweige deiner Krone. Kannst du spüren, wie es pulsiert in dir und ans Licht will?

Die goldene Sonne wärmt und lockt – atme die Strahlen ein in dein Baumherz und nimm wahr, wie es sich öffnet wie eine Blume und weit wird. Und dann schicke mit dem Ausatmen das goldene Sonnenlicht in deine Zellen, so daß auch sie weit werden und die Kraft der Sonne tanken. Spüre den senkrechten Strom aus silbernem Erden – und goldenem Sonnenlicht, der dich flutet!

Und dann erkenne in deinem menschlichen Baumbewußtsein die Verbindung mit den kosmischen Welten und Kräften. Öffne dich und deine Krone mit Hilfe deines Atems dem kristallinen Lichtstrom aus der Zentralsonne in der Milchstraße. Beschließe es einfach, und es wird so sein. Atme das kristallweiße Licht in deine Krone und fülle mit dem Ausatmen die Zellen deines Körpers damit. Und dann lasse dich im senkrechten Atmen fluten von silbern-gold-kristallweißem Licht:

„Ja, ich bin hier in meinem Körper und verbunden im wirbelnden Lichtstrom!“

Atme senkrecht und spüre dich in deinem menschlichen Körper. Du lehnst am Baum und löst dich dann wieder von ihm.

Klopf dich ab von den Füßen bis zu den Fingerspitzen und ziehe einmal kräftig an deinen Haaren.

Einen wunderbaren Tag wünsche ich dir!

Im März 2014



<< ZURÜCK